Bilanz nach sechs Jahren CCU
Kebharu Smith, seit 2020 Leiter der Counterfeit Crimes Unit (CCU) des Internet-Riesen Amazon, hat in einem Mitte September veröffentlichten Interview mit dem Online-Magazin TECHBOOK unter anderem über Zahlen und Ermittlungspraxis der Markenschutz-Experten gesprochen. Demnach sei die CCU bislang gegen rund 32.000 mutmaßliche Täter zivil- und strafrechtlich vorgegangen, mehr als 290 von ihnen seien zu Haftstrafen verurteilt worden. Die Entschädigungen und Strafzahlungen würden sich auf über 180 Millionen US-Dollar summieren.
Die Arbeit von Amazons Markenschutz-Einheit setzt dabei auf zwei Schwerpunkte: zum einen die Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden, zum anderen die Kooperation mit Markeninhabern. Allein 2025 habe die CCU mehr als 15 Millionen Fälschungen aus dem Verkehr gezogen, eine deutliche Steigerung gegenüber 2023, als es noch rund sieben Millionen gewesen seien. Sie arbeite inzwischen in 14 Ländern, Tendenz steigend, im Jahr 2026 etwa mit Indien als weiterem Land. Das Partnernetz der CCU sei derweil von sieben auf 50 Partner angewachsen, darunter Behörden wie etwa die europäische Polizeibehörde Europol oder die US‑Behörden FBI und Homeland Security Investigations (HSI).
Die Zusammenarbeit von Amazons CCU mit Markenherstellern sorgte kürzlich erneut für Aufmerksamkeit: So war Amazon gemeinsam mit Philips gegen Verkäufer gefälschter Zahnbürstenköpfe vorgegangen.
Ware und Markenlogos getrennt versendet
Für den Markenschutz aufschlussreich sind unter anderem die geschilderten Methoden der Fälscher. So bestehe ein Muster darin, Produkte und Markenlogos getrennt zu versenden: Die Ware passiere den Zoll als scheinbar generisches Produkt, die separat verschickten Logos würden erst im Zielland angebracht. In einem Fall habe die CCU gemeinsam mit US‑Behörden ein Lager ausgehoben, in dem neun Lkw-Ladungen gefälschter Kühlergrills beschlagnahmt worden seien; gefälschte Autoteile standen beispielsweise bereits bei einer früheren Aktion der Einheit im Mittelpunkt.
Als besonders auffällig bezeichnet Smith ein Muster aus den sozialen Medien: Influencer bewürben scheinbar harmlose Produkte, über sogenannte versteckte Links gelangten Käufer dann jedoch zu gefälschten Luxusartikeln. Gegen mehrere von ihnen sei Amazon zivilrechtlich vorgegangen, mindestens ein Verfahren habe mit einer Schadensersatzzahlung geendet.
Kontenverknüpfungen und Geldströme als Kriterien der Fallauswahl
Bei der Fallauswahl prüfe die CCU zunächst die verfügbaren Informationen und Beweise: Verbindungen zwischen Verkäuferkonten, gemeinsam genutzte IP-Adressen oder Bankverbindungen sowie die Frage, ob sich Geldströme nachvollziehen und Vermögenswerte sichern ließen. Gehe von mutmaßlich gefälschten Produkten eine Gefahr für die Gesundheit oder Sicherheit von Verbrauchern aus, habe der Fall zudem Vorrang. Ziel sei es, „möglichst große kriminelle Netzwerke zu zerschlagen und nicht nur einzelne Verkäufer zu stoppen“, so Smith.
Zivilverfahren etwa in den USA oder Deutschland lieferten häufig Hinweise auf Hersteller und Hintermänner in anderen Ländern; in China seien laut Smith 2024 mehr als 70 Durchsuchungen erfolgt und über 100 Täter zur Verantwortung gezogen worden. In Deutschland sei die Markenschutz-Einheit beispielsweise mit Brother und den deutschen Strafverfolgungsbehörden gegen ein Netzwerk vorgegangen, das gefälschte Druckerpatronen vertrieben habe.
Herkunftsländer, KI und Kommunikation
Bei den Herkunftsländern von Plagiaten rücke neben China zunehmend auch die Türkei in den Blick, so Smith. Auch Studien etwa der OECD und des EUIPO weisen das Land seit Jahren als relevantes Ursprungsland für Fälschungen mit Zielmarkt EU aus.
Smith betont zudem, dass sich KI zu einem festen Bestandteil des Markenschutzes bei Amazon entwickelt habe, etwa um verdächtige Angebote bereits im Vorfeld zu erkennen. Rund 99 Prozent der Maßnahmen gegen rechtsverletzende Angebote seien im vergangenen Jahr proaktiv erfolgt, also ohne Meldung durch Markeninhaber. Auch Kommunikation spiele eine wichtige Rolle: Amazon investiere dazu in die Aufklärung von Verbrauchern und arbeite gemeinsam mit Markenherstellern daran, für Produktpiraterie zu sensibilisieren.


