Fälscher nutzen die aktuellen Engpässe bei Halbleitern und elektronischen Bauteilen für ihre illegalen Geschäfte aus. Experten warnen, dass Unternehmen ihre Sicherheitsmaßnahmen beim Einkauf vernachlässigen könnten.

Durch die globalen Lieferengpässe bei elektronischen Bauteilen werden aktuellen Medienberichten zufolge zahlreiche mutmaßlich gefälschte Elektronik-Komponenten und Mikrochips gehandelt. Unternehmen gerieten zunehmend unter Druck, ihre Nachfrage nach Halbleitern zu decken – und könnten dann auch auf verdächtige Anbieter und Produkte zurückgreifen.

Als besorgniserregend sehen Experten, dass neue, zuvor unbekannte Anbieter am Markt plötzlich große Mengen Chips anbieten, die ansonsten Mangelware seien. „Was zu schön klingt, um wahr zu sein, ist zu schön, um wahr zu sein“, warnt Steve Calabria, vom Vertriebsunternehmen PC Components und Mitglied des Industrieverbands Independent Distributors of Electronics Association (IDEA). Es sei nicht das erste Mal, das Lieferengpässe bei Elektronikkomponenten die Zahl der Fälschungen stark ansteigen lasse.

Betrüger bedienten sich grundsätzlich zweier Methoden, um elektronische Bauteile zu fälschen: Beim Klonen von Chips würden sie Originalprodukte von Grund auf nachbauen. Oder sie würden alte Bauteile verwenden, die beispielsweise entsorgt wurden, bei denen sie die ursprünglichen Markierungen auf den Chips entfernen und die Produkte dann neu verpacken würden. So könnten etwa ältere und langsame Chips zu überhöhten Preisen verkauft werden. Solche Plagiate könnten von minderwertiger Qualität sein, früher unbrauchbar werden oder unter bestimmten Bedingungen komplett versagen.

Unter dem Druck, ihre Produktionsketten mit Elektronikbauteilen zu versorgen, könnten Unternehmen nun ihre Überprüfung von Anbietern oder ihre Tests gekaufter Teile einschränken, was zu einem Einfallstor für Fälschungen werden könnte, so Diganta Das, Experte für gefälschte Elektronik am Center for Advanced Life Cycle Engineering (CALCE). Beispielsweise berichten aktuell etwa das Wall Street Journal (WSJ) und Electronics360 über einen Hersteller von 3D‑Druckern, der Komponenten bei einem unbekannten Anbieter kaufte – und nur ein kleiner Teil der gelieferten Waren funktionierte. Schon unter normalen Umständen stießen Unternehmen angeblich rund drei Mal pro Jahr auf gefälschte Waren, die in der Regel von der Qualitätssicherung der Unternehmen identifiziert würden.

Experten bemängeln, dass sich viele Firmen des Fälschungsrisikos nicht hinreichend bewusst seien. „Ich glaube nicht, dass das Bewusstsein in der Branche überhaupt vorhanden ist“, befürchtet etwa Michael Pecht, Professor für Maschinenbau an der Universität von Maryland und Gründer von CALCE. Er vermutet, dass auch Hersteller aus sensiblen, sicherheitsrelevanten Branchen wie etwa aus dem Gesundheits- und Verteidigungsbereich sowie aus der Automotive-Industrie betroffen sein könnten. Gefälschte Elektronikprodukte sind dabei kein neues Problem – beispielsweise sorgten allein im letzten Jahr online gehandelte gefälschte Speichermedien und eine Warnung des Chip-Gigant Intel vor gefälschten Computer-Prozessoren für Aufsehen, im Jahr zuvor etwa der Verkauf gefälschter Chips ans US-Militär.

Die Nachfrage nach elektronischen Bauteilen übersteige bereits seit Monaten das Angebot deutlich. Ein Grund dafür sei unter anderem die stark zugenommene Nachfrage nach Elektronikprodukten während der Covid-19-Pandemie – seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie sei etwa die Nachfrage nach PCs, Smartphones, Tablets und Spielekonsolen rasant gestiegen. Betroffen seien nun vor allem kleinere Hersteller oder etwa Hersteller für kommerzielle und industrielle Geräte, da sie oftmals nicht direkt bei Chipherstellern einkauften. Doch auch große, multinationale Konzerne gerieten zunehmend unter Druck: So mussten etwa Automobilhersteller wie Ford, der Opel-Mutterkonzern Stellantis oder etwa der Daimler-Konzern mit der Marke Mercedes-Benz ihre Produktion bereits drosseln beziehungsweise. teilweise einstellen, da die benötigten Chips fehlten. Analysten der Firma Gartner vermuten, dass die Halbleiter-Krise noch bis weit ins Jahr 2022 andauern wird.

Quellen: ZDNet; Electronics360, Epoch Times, Handelsblatt, Toms Hardware, Wall Street Journal (WSJ)