KI führt zu Boom bei Fälschungen

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Künstliche Intelligenz (KI) senkt die Kosten und erhöht die Schlagzahl der Produktpiraterie rasant. Laut aktuellen Berichten und Erfahrungen aus der Wirtschaft könnten Markeninhaber und Online-Shops mit massiven Herausforderungen konfrontiert sein.

KI lässt die Zahl betrügerischer Angebote stark steigen

Künstliche Intelligenz (KI) treibe momentan einen rasanten Anstieg an Produktpiraterie an, so eine aktuelle Recherche des Handelsblatts. Demnach versuchten Betrüger mit Hilfe von KI, Online‑Plattformen wie TikTok Shop, eBay oder Amazon mit Fälschungen geradezu zu fluten. Dank KI könnten sie im Handumdrehen Hunderttausende perfekt wirkende Produktfotos erstellen und damit Angebote auf Plattformen einstellen – auch für Produkte, die gar nicht existierten und nie geliefert würden. Um den eigenen Online‑Marktplatz zu schützen, setze TikTok Shop beispielsweise unter anderem auch auf KI. Dazu nutze man neben eigenen Daten auch Informationen von Markenherstellern und Kunden, um so mögliche Verstöße zu erkennen und zu reduzieren.

//„Zwischen Januar und Juni 2025 haben wir mehr als 40 Millionen Produkte aufgrund von Verstößen gegen geistige Eigentumsrechte proaktiv abgelehnt, bevor sie auf TikTok Shop gelistet werden konnten.“

Nicolas Waldmann, TikTok, gegenüber dem Handelsblatt

Auch der E-Commerce-Riese Amazon setzt stark auf Technologie und künstliche Intelligenz im Kampf gegen Markenfälschungen. Seine Erfolge im Kampf gegen Piraterie stellt Amazon in einem eigenen Markenreport vor. Mittels KI möchte Amazon automatisiert rechtsverletzende Produkte herausfiltern und habe 2024 laut eigenen Aussagen 99 % der verdächtigen Angebote blockiert, bevor diese veröffentlicht werden konnten.

Für Fälscher und Betrüger kann KI ein ideales Werkzeug sein

Wie der Handelsblatt-Bericht aufzeigt, wird es mit KI einfacher als je zuvor, etwa falsche Werbebilder zu erzeugen, Fake‑Shops aufzusetzen und selbst komplexe Maschinen zu kopieren. Die Versicherungsgruppe Allianz Trade zieht gegenüber dem Handelsblatt ein klares Fazit: KI spiele Wirtschaftskriminellen in die Hände; sie würden professioneller agieren, häufiger zuschlagen und höhere Schäden verursachen.

//„Es ist ein Katz‑und‑Maus‑Spiel: Die Kriminellen perfektionieren ihre Betrugsmaschen mittels KI, und die Unternehmen versuchen, mit ihren Schutzmechanismen Schritt zu halten.“

Marie‑Christine Kragh, Globale Leiterin Vertrauensschadenversicherung, Allianz Trade, laut Handelsblatt

Durch KI könnten auch Hersteller aus dem Maschinenbau stärker von Fälschungen betroffen sein. Bislang sei die Branche vor Fälschungen geschützt gewesen, weil es um sehr komplexe Systeme gehe, so Steffen Zimmermann, Leiter der Industriesicherheit beim Verband Deutscher Maschinen‑ und Anlagenbauer (VDMA). Laut dem Handelsblatt‑Bericht könnten mittlerweile aber KI‑Modelle aus Produktbildern selbständig Konstruktionspläne erstellen und die notwendigen Materialien auflisten.

Laut der Studie zu Industrial Security und Produktpiraterie, die der VDMA 2024 veröffentlichte, haben rund 46 % der Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland in den vorherigen zwei Jahren schon mit Plagiaten zu kämpfen. Der Gesamtschaden belaufe sich damals bereits auf rund 4,1 Milliarden Euro.

Hohe Schäden für Unternehmen befürchtet

Unternehmen drohen teils deutliche wirtschaftliche Einbußen, so der Handelsblatt‑Bericht. Der baden‑württembergische Armaturen‑Hersteller Hansgrohe etwa beziffert den jährlichen Umsatzverlust durch Fälschungen bereits auf fünf bis zehn Prozent. Da Fälscher nun auf KI‑Unterstützung zurückgreifen könnten, dürfte der Schaden dabei weiter zunehmen, wie Carmen Vetter, Leiterin Schutzrechte bei Hansgrohe, vermutet.

Die Nachahmung eines Waschtischmischers von Hansgrohe wurde kürzlich mit dem Negativpreis Plagiarius ausgezeichnet. Passend zur Auszeichnung meldete Hansgrohe auch, dass der Konzern zusammen mit Behörden in China 2025 ein Fälschernetzwerk zerschlagen hatte. Dabei seien Fälschungen im Marktwert von rund 360.000 Euro beschlagnahmt worden.

EU-SOCTA-Studie zeigt zentrale Herausforderungen für Europa auf

In der 2025 erschienen Studie Serious And Organised Crime Threat Assessment (SOCTA) der Europäischen Union wird auch die Nutzung neuer Technologien durch Fälscher beleuchtet. Durch den zunehmenden Einsatz neuartiger Technologien wie 3D‑Druck und KI würde es möglich, Nachahmungen mit hoher Präzision und einem geringen Risiko für menschliche Fehler herzustellen, so die Untersuchung. Zudem könnten die Fälscher so die Produktion von Plagiaten zunehmend automatisieren.

Die Studie weist zudem darauf hin, dass digitale Marktplätze und Vertriebsplattformen sowie soziale Medien zur Vermarktung und zum Vertrieb gefälschter Waren herangezogen würden. Durch Social Commerce, also die Integration von E‑Commerce in soziale Medien, könnte sich diese Problemstellung weiter verschärfen. Produkt‑ und Markenpiraterie bleibe eine erhebliche Herausforderung für Unternehmen und Markenschutz‑Experten in Europa, unter anderem auch angetrieben von einem fehlenden Bewusstsein für die Risiken von Plagiaten.

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