Gemeinsam stellen Europol und OHIM aktuell die erste umfassende Studie zu Produkt- und Markenpiraterie in der EU vor. Ein Kernergebnis: Viele Fälschungen werden mittlerweile in Europa hergestellt. Als erfolgsversprechende Gegenmaßnahme sehen die EU-Behörden vor allem eine stärkere Aufklärung.

Für ihre Analyse kombinierten die Strafverfolgungsbeamten von Europol und das für gewerbliche Schutzrechte zuständige Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (OHIM) Ergebnisse einer Umfrage sowie qualitative Daten etwa aus vorliegenden Fallstudien. Die Behörden warnen deutlich vor dem durchdachten Vorgehen der Kriminellen: „Die Verfahrensweise und die Routen werden jeweils in Abhängigkeit von der Ware und der Strafverfolgungsaktivität angepasst; dies zeigt, dass die Fälscher die bei der Strafverfolgung angewandten Taktiken kennen“, so kommentiert der Bericht die Verbreitung gefälschter Waren. Längst sind dabei Fälscherbanden über Ländergrenzen und Kontinente hinweg miteinander vernetzt, um Synergieeffekte im Wettstreit mit Originalherstellern und Behörden zu nutzen.

Um in diesem Marktumfeld gegen die Fälscher und Nachahmer zu bestehen, fordern Europol und OHIM eine „proaktive Strategie“, bei der „der Schwerpunkt darauf liegt, das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen“ und Strafverfolgungsbeamte mit notwendigen Informationen zu versorgen. Passend dazu unterstützen die Experten von Karg und Petersen Originalhersteller mit spezieller Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation, um etwa die Nachfrage nach Piraterie-Waren zu verringern; zudem helfen passgenaue, auf die Praxis der Strafverfolgung zugeschnittene Informationen den Beamten von Zoll und Polizei, Fälscher dingfest zu machen.

Ein besonderes Augenmerk legt die neue Studie auf die hohe Anzahl an Fällen, in denen Piraten mittlerweile auf die Herstellung von Fälschungen innerhalb der Europäischen Union setzen. Der Bericht nennt als Beispiel etwa ein Netzwerk aus Tschechien, das durch verschiedene Razzien über einen Zeitraum von zwei Jahren aufgedeckt werden konnte. Der international aktive Fälscherring, an dem Tschechen, Ungarn, Serben, Bulgaren und Deutsche mitwirkten, vertrieb Haushaltswaren in Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Slowenien und anderen Ländern.

Auch Beschlagnahmungen von leeren Verpackungen oder etwa nachgemachten Gebrauchsanweisungen und Garantiepapieren an den EU-Außengrenzen untermauern den Trend zu Fälschungen ‚made in the EU‘. „Dies gilt jetzt als eine bessere und wirtschaftlichere Alternative, die zudem mit geringeren Risiken einer Entdeckung durch die Zollbehörden und mit niedrigeren Transportkosten verbunden ist“, so Europol und OHIM. Und selbst wenn Behörden die Untergrundfabriken enttarnen, kann die Produktion oft an einem anderen Standort kurze Zeit später fortgesetzt werden. Unternehmen sollten sich daher auch Gedanken machen, wie sie ihre ureigenen Heimatmärkte in Europa gegen illegale Konkurrenten verteidigen wollen.

Eine weitere Möglichkeit für Fälscher ist, Produkte und Markenetiketten separat zu importieren. Die italienische Camorra beispielsweise führte no-name Elektronikprodukte aus China ein und versah sie erst kurz vor dem Verkauf mit Markennamen wie Bosch oder Stihl. Die Mafiagruppe registrierte dazu sogar ihre eigene Marke, Boudech, um die chinesischen Billigprodukte bis zur Umetikettierung besser vor dem Zugriff der Behörden zu schützen.

Für den Import von Piraterie-Waren in die EU betonen Europol und OHIM die besondere Bedeutung von Freihandelszonen. Mangelnde Transparenz und Schutzrechtsdurchsetzung in diesen Zonen machen es den Fälschern vergleichsweise leicht, Containerladungen zu wechseln, neu zu dokumentieren und umzuetikettieren – so wird Herkunft, Art und Ziel der illegalen Waren verschleiert, um der Entdeckung durch Zollfahnder zu entgehen. Das Wachstum einer neuen Freihandelszone im marokkanischen Tanger, direkt vor der Haustür der EU, dürfte diese Problematik nach Einschätzung der beiden europäischen Behörden noch weiter verschärfen.

Quelle: Europol/OHIM