Über die Hälfte des Wertes an beschlagnahmten Fälschungen wird bei Seefrachtsendungen erzielt, und Deutschland ist dabei eines der Hauptumschlagsländer in der EU. Das zeigt eine neue Studie von EUIPO und OECD – die auch Forderungen für effektivere Zollkontrollen stellt.

Seefracht steht an erster Stelle der Transportwege für Fälschungen, wenn man den Wert der beschlagnahmten Plagiate betrachtet. Das betont eine neue Studie von EUIPO und OECD – mehr als die Hälfte des Gesamtwertes beschlagnahmter Fälschungen erzielten Behörden zwischen 2014 und 2016 demnach bei der Kontrolle von Containersendungen.

Betrachtet man nur die Anzahl der Beschlagnahmungen, so scheinen Seefrachtsendungen mit rund 10 Prozent zunächst eine untergeordnete Rolle zu spielen. Postsendungen rangieren hier unangefochten an erster Stelle mit rund 57 Prozent, auch Luftfrachtsendungen (15 Prozent) und Expresssendungen via Kurier (12 Prozent) spielen eine größere Rolle als der Transport via Seefracht. Seefrachtsendungen liegen jedoch an erster Stelle (mit rund 56 Prozent), betrachtet man den Wert der Beschlagnahmungen. Dagegen entfielen lediglich 11 Prozent auf Postsendungen und beispielsweise 16 Prozent auf Luftfrachtsendungen.

Transportwege-für-Fälschungssendungen

Blickt man auf einzelne Branchen und Industriezweige zeigen sich interessante Unterschiede bei den Transportwegen von Fälschungen. Bei Parfüm- und Kosmetikplagiaten etwa wurden rund 82 Prozent des Beschlagnahmungswertes bei Seefrachttransporten erzielt. Auch bei Spielwaren (ca. 73 Prozent) und bei Lederwaren (ca. 57 Prozent) lag der Anteil bei mehr als der Hälfte – bei gefälschter Elektronik hingegen nur noch bei 49 Prozent und bei Bekleidung gar nur bei 33 Prozent. Bei Bekleidungs- und Textilfälschungen liegt der Beschlagnahmungswert von Seefracht und Postsendungen damit gleichauf.

Die Hauptursprungsländer der via Seefracht transportierten Fälschungen liegen in Ostasien; an erster Stelle steht China mit 79 Prozent des gesamten Beschlagnahmungswerts, gefolgt von Indien mit bereits nur noch rund 5 Prozent. Aus den südostasiatischen Ländern Malaysia, Vietnam und Pakistan stammen insgesamt rund 3,6 Prozent des Beschlagnahmungswertes, aus Hongkong und Taiwan jeweils knapp 1 Prozent. Außerhalb Ostasiens tauchen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit einem Anteil von 1,4 Prozent, die Türkei mit 0,8 Prozent sowie Marokko und Ägypten mit je 0,5 Prozent als relevante Ursprungsländer auf. Die Türkei ist vor allem bei Sendungen mit Ziel innerhalb der EU relevant.

Dabei scheinen wenige Transportrouten möglicherweise besonders relevant zu sein: Mehr als die Hälfte aller Containersendungen, die aus wichtigen Hauptursprungsländern von Fälschungen in die EU gelangten, kamen über nur drei Länder nach Europa: Deutschland, die Niederlande und Großbritannien (im betrachteten Zeitraum bis 2016 noch Teil der EU). Entscheidende Einfuhrhäfen waren dabei Rotterdam, Hamburg, Felixstowe und Antwerpen; über sie wurden 2016 rund 50 Prozent aller Containersendungen aus fünf wichtigen Hauptursprungsländern von Fälschungen in die EU eingeführt. Überraschenderweise spielen auch Länder, die ansonsten ein vergleichsweise geringes Seefrachtaufkommen aufweisen, beim Import von Fälschungen eine relevante Rolle – darunter etwa Bulgarien, Griechenland, Kroatien und Rumänien.

Mit den von China vorangetriebenen Infrastrukturprojekten, die oft unter der Bezeichnung Neue Seidenstraße bzw. One Belt, One Road (OBOR) zusammengefasst werden, könnte sich Zahl der Fälschungen, die Europa via Container erreichen, weiter erhöhen, so die Studie. Dabei könnten auch Häfen an der Mittelmeerküste zukünftig eine größere Rolle beim Schmuggel von Fälschungen in die EU spielen.

Die Studie von EUIPO und OECD kritisiert, dass der Fälschungshandel bei Zollbehörden eine vergleichsweise geringe Priorität habe, da Plagiate als Handelsverstöße betrachtet werden, anstatt als kriminelle Vergehen. Dass der Fälschungshandel in Zusammenhang mit weiteren schwerwiegenden kriminellen Aktivitäten steht, zeigt hingegen ein erst kürzlich veröffentlichter Report von Europol. EUIPO und OECD fordern, dass die Möglichkeiten zur effektiven Kontrolle der verschifften Waren erhöht und modernere Technologien genutzt werden, etwa durch elektronische Manifeste, die bei der Risikoanalyse helfen und so zielgerichtetere Inspektionen ermöglichen könnten. Zudem merkt die Studie an, dass Markeninhaber und Logistikunternehmen eine größere Rolle spielen könnten, um Fälschungssendungen besser zu unterbinden.

Die Studie Misuse of Containerised Maritime Shipping wurde Ende Februar vom Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlicht. Sie basiert auf Zollinformationen von OECD, Weltzollorganisation, der Generaldirektion Steuern und Zollunion der Europäischen Kommission, der U.S. Customs and Border Protection Agency sowie des Weltverkehrsforums der OECD, Eurostat Comext und der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (United Nations Conference of Trade and Development, UNCTAD).

Wichtige Häfen für Exporte

Quellen: EUIPO, OECD